Tschukotka

Tschukotka

Autonomer Kreis der Tschuktschen

Steckbrief

Steckbrief
Offizieller Name:
Tschukotski awtonomny okrug (Autonomer Bezirk Tschukotka)
Oberhoheit:
Russland, seit 1930
Hauptort:
Anadyr
Verwaltung:
Gouverneur, von Parlament gewählt
Sprachen:
Russisch, Tschuktschisch
Bevölkerung:
50'288 Einwohner; Russen: 51.9%, Tschuktschen: 23.5%, Ukrainer: 9.2%, andere: 15.4%
Bewohnte Orte:
Anadyr, Bilibinski, Egwekinot, Providenija, Pewek, Tschukotski
Währung:
Russische Rubel
Zeitzone:
UTC +12

Tschukotka liegt an der östlichsten Spitze des eurasischen Kontinents, direkt an die Beringstrasse angrenzend. Im Norden der Region liegt die Tschuktschen- und die ostsibirische See, im Süden das Beringmeer. Zur Verwaltungseinheit gehören auch die Insel Wrangel in der Tschuktschensee, rund 140 Kilometer vom Festland entfernt, die Insel Ratmanova (Big Diomede) ca. 45 Kilometer in der Beringstrasse gelegen und weitere Inseln. Neben der gebirgigen arktischen Region im Norden finden sich auch extensive Tundragebiete in der Mitte und die Taiga im Süden von Tschukotka. Die gesamte Region Tschukotka ist von Flüssen durchzogen und besonders im Landesinneren sehr sumpfig. Der östlichste Punkt Russlands und Eurasiens, Kap Deschnjew, liegt ebenfalls in Tschukotka. Die Fläche umfasst rund 738'000 Quadratkilometer. Die Datumsgrenze, die auch die Grenze zu den USA ist, verläuft durch die Diomedeninseln zwischen Ratmanova und Little Diomede (USA).

Tschukotka liegt im Einflussbereich der drei angrenzenden Meere. Das bedeutet vorwiegend kalte und trockene Luft aus dem Norden oder sehr feuchte, wärmere Luftmassen aus dem Süden. Die Durchschnittstemperaturen variieren auch im Winter und Sommer zwischen -15° und -39°C (Januar) und +5 - +10°C (Juli). Jedoch sind in den vergangenen Jahren verstärkt Temperarturextreme gemessen worden. Die Küstenbereiche, die eher maritimes Klima aufweisen sind generell wärmer und feuchter als im Landesinnern mit seinem kontinentalen Klima. Durchschnittlich fallen zwischen 200 und 500 Millimeter Niederschläge pro Jahr. 

Aufgrund seiner Ausdehnung, seiner Abgeschiedenheit und den wenigen Verkehrswegen gilt Tschukotka als Naturparadies. Deswegen zeigt sich die Fauna als sehr reichhaltig mit mehr als 30 Süsswasserfischarten, über 220 Vogelarten, 9 Wal- und 6 Robbenarten, darunter zahlreiche pazifische Walrosse. Daneben finden sich Vertreter der hocharktischen Fauna wie Eisbär und Polarfuchs. Auf Wrangel Island wurden sogar Moschusochsen angesiedelt. In den Tundra- und Taigaregionen sind vor allem subarktische Bewohner wie Lemminge, Rentiere, Erdhörnchen, Otter und sogar Braunbären zuhause. Die Meere rund um Tschukotka sind aufgrund der vielen Flüsse sehr produktiv und liefern insgesamt mehr als 50 kommerziell gejagte Fischarten von den 402 bekannten Arten.

Von der Taiga im Süden bis nach Wrangel sind mehr als 900 Pflanzenarten, über 400 Moos- und 400 Flechtenarten bekannt. Besonderen Status nimmt die Wrangel-Insel ein, auf der zahlreiche endemische Arten vorkommen, da die Insel während der letzten Eiszeit nicht vergletschert war. Das führte auch dazu, dass auf Wrangel eine Flora wie in den Kaltsteppen Mitteleuropas während der Zwischeneiszeit oder am Ende der letzten Eiszeit stehengeblieben ist. Zum Schutz der einzigartigen Flora und Fauna wurde Wrangel zum staatlichen Naturschutzgebiet erklärt, das nur mit Rangern und Sondergenehmigung betreten werden darf. Auch weite Teile der Küste sind als Beringia-Nationalpark nur mit spezifischen Genehmigungen zu erreichen. Im Landesinnern von Tschukotka sind an zwei Orten besondere Schutzgebiete erstellt worden: Die Haine Telekai und Tnekveemskaya. Dabei handelt es sich um Waldgebiete, die mitten in der offenen Landschaft stehen und trotz Änderung der umliegenden Klimabedingungen erhalten geblieben sind.

Die Besiedlungsgeschichte Tschukotkas reicht wahrscheinlich bis in die Altsteinzeit zurück. Vor 40.000 bis 13.000 Jahren machten sich die ersten Menschen von hier aus über die damals noch bestehende Beringia-Landbrücke auf den Weg nach Nordamerika. Mit dem Ende der Eiszeit versank die Landbrücke wieder und ab ca. 9000 vor unserer Zeit war die nordöstliche Halbinsel wohl dauerhaft besiedelt von Jägern und Fischern. Viele verschiedene Völker wie die Shelags, Onkilons und Yupik-Eskimos, die zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert die «Wal-Allee» auf der Insel Yttygran anlegten, besiedelten damals und leben teils noch heute in Tschukotka, doch als Ureinwohner gelten die Tschuktschen, einem Volk von Rentiernomaden. Die Kolonisation Tschuktokas durch die Russen begann 1641, die erste russische Siedlung Anadyrsk wurde 1649 von Kosaken gegründet. Sie war Ausgangspunkt für Expeditionen wie die des Dänen Vitus Bering im Jahr 1725, um Kamtschatka zu erkunden. Immer wieder versuchten die Kosaken, die Tschuktschen zu unterwerfen und mussten sich 1747 geschlagen geben. Zarin Katharina die Große ließ das Fort Anadyrsk im Jahre 1766 räumen und gewährte den Tschuktschen und Yupiks eine gewisse Souveränität. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Bedeutung Tschukotkas: Der Verkauf von Alaska an Amerika und die Entdeckung von Gold, Eisen und Graphit auf der Halbinsel lockten wirtschaftliche Eroberer aus Nordamerika an. Der Reichtum an Bodenschätzen ließ das Interesse an Tschukotka auch nach dem II. Weltkrieg bis in die Gegenwart nicht abflauen. Den Versuchen der Russifizierung Tschukotkas folgte ab etwa 1919 die "Sowjetisierung", die die Lebensgewohnheiten und Kultur der Indigenen stark beeinträchtigte und teilweise zerstörte. Besondere Bedeutung erhielten damals auch die Gefangenenlager, Gulags, in denen Dissidenten und Kriegsgefangene unter erbärmlichsten Bedingungen Zwangsarbeiten leisten mussten. Erst weit nach dem 2. Weltkrieg gelang es den Tschuktschen, ihre Traditionen wieder zu beleben. 

Im Autonomen Bezirk Tschuktoka leben etwas mehr als 50.000 Menschen (2020) ganz verschiedener Herkunft und Ethnien. Mit etwa 50 Prozent stellen Russen die größte Gruppe, gefolgt von Tschuktschen, Ukrainern, Yupik-Eskimos, Ewenen, Tschuwanen, Tataren und Weißrussen (2010). Bis heute pflegen die indigenen Völker des Nordens in Tschukotka ihre prähistorischen Traditionen der Rentierjagd und –zucht, des Walfangs und sind stolz auf ihr kulturelles Erbe. Walfangboote und kunstvolle Schnitzereien aus Walrosselfenbein zeugen davon. Die Bevölkerungsdichte ist mit 0,07 Personen pro Quadratkilometer sehr gering, über 70 Prozent der Menschen leben in den Städten (2020). Nur ein sehr kleiner Teil der im Landesinneren lebenden Tschuktschen kann ihrer traditionellen nomadischen Lebensweise als Rentierhirten und Fischer noch nachgehen, da riesige Weideflächen der Suche nach Erdgas und Erdöl zum Opfer fielen. Die Küsten-Tschuktschen leben noch von der Subsistenzjagd auf Wale, Walrosse und Eisbären. Auch die Yupik und Ewenen führen zum Teil noch eine nomadische Lebensweise als subsistenzwirtschaftliche Basis. Sesshafte Tschuwanen leben vom Fischfang oder sind in der Gemeindeverwaltung tätig, die seminomadischen am Oberlauf des Flusses Anadyr sind weiterhin Rentierzüchter. Tschukotka ist in sechs Verwaltungseinheiten, sog. Rajons, gegliedert. Die Regierung wird von der Duma mit 15 Abgeordneten und dem Gouverneur gebildet.

Das Landesinnere von Tschukotka ist geprägt von ausgedehnten Sumpfgebieten, sodass das Straßennetz äußerst spärlich und nur in Städten und angrenzenden Dörfern vorhanden ist. Somit ist die Region, zumindest im Sommer, nur per Flugzeug oder per Schiff erreichbar. Die tiefen Minustemperaturen im Winter erlauben immerhin den Bau von Winterstraßen aus Schnee und Eis, sodass in der kalten Jahreszeit Transport über Land mit Geländefahrzeugen möglich ist. Der ganzjährig befahrbare «Anadyr Highway» ist zu großen Teilen fertiggestellt und führt von Anadyr über Pevek und Omolon nach Magadan am Ochotskischen Meer. Die wichtigsten Transportmittel für Reisende bleiben jedoch Flugzeug und Schiff. Es gibt entlang der Nordmeerroute fünf Seehäfen: Anadyr, Pevek, Providenja, Beringowsky und Egwenikot. Flughäfen gibt es in jeder Stadt. Als Ausgangspunkt für touristische Reisen ist Anadyr die bedeutendste Stadt. Hier gibt es Hotels, Restaurants, Geschäfte, Banken, ein Krankenhaus, verschiedene Sehenswürdigkeiten und mehrere Museen. Die Wirtschaft von Tschukotka basiert auf Bergbau - in zahlreichen Minen wird noch heute Braun- und Steinkohle sowie Gold abgebaut.

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