Kanadische Arktis

Kanadische Arktis

Steckbrief

Steckbrief
Offizieller Name:
Kanadisch-arktischer Archipel
Oberhoheit:
Kanada
Territorien:
Nunavut, Northwest Territories
Verwaltung:
Premierminister, gewählt durch Territorialparlamente
Sprachen:
Inuktitut, Inuinnaqtun, Englisch, Französisch
Bevölkerung:
23.468 (2016)
Bewohnte Orte:
Iqaluit, Cambridge Bay, Pond Inlet, Cape Dorset, Arctic Bay, Goa Haven, Sachs Harbour, Ulukhaktok
Währung:
Kanadische Dollar
Zeitzone:
UTC -4 bis -7

Der kanadisch-arktische Archipel umfasst die nördlich vom kanadischen Festland gelegene Inselwelt. Dazu zählen 94 größere (> 130 Quadratkilometer) und 36.469 kleinere Inseln mit einer Gesamtfläche von etwa 1,4 Millionen Quadratkilometer — die größte Landfläche in der Hocharktis nach Grönland. Zu den größten Inseln zählen Baffin, Victoria, Ellesmere, Banks, Devon und Axel Heiberg, Melville und Prince of Wales, die jeweils durch große Meeresarme voneinander getrennt sind. Die großen Inseln im östlichen Archipel (Baffin, Devon, Ellesmere, Axel Heiberg) sind gebirgig mit Gipfeln über 2000 Meter und zu einem großen Teil von Eiskappen bedeckt. Die zentralen und westlichen Inseln sind im Allgemeinen flach mit niedrigem Relief von nicht mehr als 200 Metern. Dank der geologischen Vielfalt — von flachem, paläozoischem Gestein bis zu stark gefaltetem Sedimentgestein — birgt die Landschaft spektakuläre Variationen mit schroffen Bergen, steil abfallenden Fjorden und Hoch- und Tiefebenen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Gesteinsarten. Im Winter ist das Meer rund um den Archipel komplett zugefroren mit Eisdicken zwischen 1,5 und 2 Metern, mit Ausnahmen mehrerer Polynyas.

Der gesamte Archipel steht unter dem Einfluss polaren Klimas, das mitbestimmt wird von der kalten Meeresströmung aus dem Arktischen Ozean, die durch die Nares Strait zwischen Ellesmere Island und Nordgrönland kommt. Die Durchschnittstemperaturen liegen im Norden zwischen -25°C und -35°C im Winter und knapp über dem Gefrierpunkt im Juli und August. Im Süden von Baffin Island werden die Winter mit Temperaturen von -16°C bis -32°C ebenfalls sehr kalt, im Sommer liegen die Werte über vier Monate über 0°C und können bis zu 12°C erreichen. Die jährlichen Niederschläge sind gering mit 400 Millimeter pro Jahr im südlichen Teil von Baffin Island und weniger als 150 Millimetern auf den Queen Elizabeth Islands, auf denen polares Wüstenklima herrscht. Im gesamten Archipel bewirkte das kalte Klima die Ausbildung von Permafrostboden, der in vielen Regionen eine Mächtigkeit von 550 Metern übersteigt.

Die Tierwelt auf Kanadas arktischen Inseln ist ähnlich artenreich wie in Grönland. Eisbären sind im gesamten Archipel verbreitet, jedoch nicht leicht zu beobachten, da sie aufgrund der Bejagung sehr scheu sind. In den Meeresstraßen und Buchten rund um die Inseln finden Meeressäuger wie Grönlandwale, Belugas, Narwale und Orcas und verschiedene Robbenarten wie Ringelrobben, Bartrobben und Walrosse gute Nahrungsbedingungen. Die größte Vielfalt an Land herrscht nur dort, wo das Klima eine mehr oder weniger reichhaltige Vegetation erlaubt. So leben selbst im Norden nur etwa 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt, beispielsweise in günstigen Lagen auf Ellesmere Island, Moschusochsen, Karibus, Polarfüchse, Polarwölfe, Polarhasen, Lemminge sowie Schneeeulen, Gerfalken, Kanadagänse und andere Vogelarten. In Regionen mit spärlicher Vegetation, z.B. auf Melville Island, ist auch die Fauna entsprechend ärmer. Im Süden des Archipels, u.a. auf Baffin Island, lassen sich zudem noch weitere kleine Säugetiere wie Hermeline, Wiesel und Ziesel beobachten. Zu den dort brütenden Vogelarten gehören Gerfalken, Wanderfalken, Eismöwen, Eiderenten, Kanadagänse, Schneehühner, Sporn- und Schneeammern. Kolkraben und Schneeeulen sind ganzjährig anzutreffen.

Die Vegetation ist aufgrund der auch kleinräumig unterschiedlichen klimatischen Verhältnisse im Archipel sehr ungleichmäßig ausgeprägt. Auf den nördlichen Inseln erlaubt das polare Wüstenklima nur in einigen begünstigten Lagen mit fruchtbaren Böden und ausreichend Feuchtigkeit dank Schmelzwasser oder Staunässe nennenswerte Vegetation, oft auf Moränen. Dort wächst die typische Tundra-Flora: neben Flechten und Moosen auch Blütenpflanzen wie Arktischer Mohn, Kraut-Weide, Vierkantige Schuppenheide, verschiedene Steinbrecharten, Läusekraut, Wollgras, Stängelloses Leimkraut und Silberwurz. Im Quttinirpaaq-Nationalpark auf Ellesmere Island wurden insgesamt etwa 130 Pflanzenarten gezählt. Die Inseln im Süden mit günstigerem Klima sind dagegen großflächiger mit Vegetation bedeckt, auch deren Küsten sind gesäumt mit einer Vielzahl von kleinwüchsigen Blütenpflanzen. Hier finden sich neben den oben genannten auch seltene Arten wie das Weißblütige Zwerg-Weidenröschen sowie Gräser und niedrige Sträucher aus Zwergbirken, verschiedenen Weidenarten und Heidekrautgewächsen. Der Auyuittuq-Nationalpark auf Baffin Island beherbergt allein 112 höhere Blütenpflanzenarten, 129 Moosarten und 97 verschiedene Flechten.

Der erste europäische Entdecker, der mit dem Auftrag die Nordwestpassage zu finden in die Gewässer des Archipels vorstieß, war der Engländer Martin Frobisher im Jahr 1576. Ihm folgten Jahre später weitere englische Kapitäne wie John Davis, Henry Hudson und William Baffin, jedoch ohne eine Route durch den Archipel zu finden. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es weitere Versuche  von der pazifischen Seite her durch James Cook und Otto von Kotzebue, die ebenfalls scheiterten. Ein tragisches Ende nahm die Expedition von Sir John Franklin, bei der zwischen 1845 und 1848 alle Beteiligten starben. Die folgenden mehrjährigen Suchaktionen konnten nur lückenhaft und mit Mühe das Schicksal der Seeleute nachzeichnen. Zwischen 1903 und 1906 gelang es schließlich dem Norweger Roald Amundsen mit der Gjøa, die Nordwestpassage erstmals vollständig zu durchfahren. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befahren Frachtschiffe, Kreuzfahrtschiffe und kleine private Expeditionen mehr oder weniger regelmäßig die Nordwestpassage.
Inuit und deren Vorfahren besiedelten die hocharktischen Gebiete über die vergangenen 4.000 Jahre und ein Großteil der Inuit lebt noch heute in Siedlungen, die über den Kanadisch-arktischen Archipel verstreut sind. Ursprünglich lebten sie teils nomadisch als Familiengruppen in an die Jahreszeit angepassten Camps. Nach dem Zusammentreffen mit der Kultur der Weißen mussten sie allerdings tiefgreifende Umwälzungen über sich ergehen lassen. Vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde den Inuit durch die kanadische Regierung viel Leid zugefügt durch Zwangsumsiedlungen in die Hocharktis oder den Entzug der Kinder und deren Unterbringung in Internaten zur Entfremdung ihrer Kultur, oft einergehend mit Misshandlung oder Missbrauch. Die psychischen Folgen wirken bis heute nach.
Seit 1999 zählt fast der gesamte Archipel zum neuen Territorium Nunavut, das von den Inuit relativ autonom verwaltet wird. Nur ein kleiner Teil gehört zu den Northwest Territories.

Die kanadisch-arktische Inselwelt ist sehr dünn besiedelt und Ortschaften sind weit verstreut. Auf vier der sieben bewohnten Inseln gibt es jeweils nur eine einzige Siedlung. Insgesamt leben etwa 23.500 Menschen, vorwiegend Inuit, in 20 Siedlungen. Die meisten der Orte liegen auf Baffin Island, auch die einzige Stadt Iqaluit mit ca. 7.700 Einwohnern. Weitere Siedlungen gibt es auf Ellesmere Island, Cornwallis Island, King William Island, Victoria Island, Southampton Island und Flaherty Island, in denen die Einwohnerzahlen zwischen 100 und 1.800 liegen.
Den seit Jahrtausenden traditionell als Jäger im heutigen Nunavut lebenden Inuit wurden einschneidende Veränderungen ihrer Lebensweise aufgezwungen. Einst Nomaden, leben sie seit Ende der 1960 Jahre sesshaft in vorgefertigten Siedlungshäusern; Schlittenhunde wurden von Schneemobilen und Kajaks von Motorbooten abgelöst; der Handel mit Robbenfellen und Walross- und Narwal-Elfenbein ist praktisch nicht mehr möglich. Diese kulturellen Umwälzungen brachten viele soziale Probleme mit sich wie Depressionen, Alkohol- und Nikotinmissbrauch, Suizid, sexueller Missbrauch und Unterernährung, die auch aktuell noch bestehen. Seit der Bildung des Territoriums Nunavut im Jahr 1999, das von den Inuit selbst verwaltet wird, ist die Hoffnung auf eine positive wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung groß. Ein besonderes Augenmerk wird seither auf die Aufrechterhaltung und Weiterführung der Traditionen wie die Jagd gelegt. Diese liefert oftmals das Material für Kunstwerke aus Elfenbein oder Fell, die auch global immer populärer werden und in manchen Familien zum Einkommen beitragen. Weitere Arbeitsplätze gibt es in Verwaltung, Bildung, im Tourismus, in kleinen Unternehmen, in der Fischerei oder an den Flughäfen. Dennoch ist vor allem die junge Generation noch immer hin- und hergerissen zwischen den gegensätzlichen Kulturen und tut sich trotz verbesserter Bildungsangebote schwer, ihren Platz zu finden.

Aufgrund der geographischen Verhältnisse beschränken sich die Transportmöglichkeiten im Kanadisch-arktischen Archipel hauptsächlich auf den Luft- und Schiffsverkehr. Jede Siedlung verfügt zumindest über eine Start- und Landebahn. Ungleich schwieriger ist dagegen der Transport von Gütern per Schiff, da dieser nur während der Sommermonate möglich ist und es im gesamten Gebiet bisher keinen einzigen Tiefwasserhafen gibt. Die Be- und Entladung erfolgt ausschließlich mithilfe kleiner Boote. Der im Bau befindliche Hafen von Iqaluit soll ab 2022 nutzbar sein. Ähnlich wie in Grönland spielt der Straßenverkehr nur innerhalb der Ortschaften eine Rolle, wobei hauptsächlich Quads die Schotterstraßen befahren. Im Winter können zusätzlich auch Eisstraßen genutzt werden.
Die Bildungsmöglichkeiten in den einzelnen Siedlungen sind sehr unterschiedlich: in manchen ist vom Kindergarten bis zur 12. Klasse alles abgedeckt, in anderen wiederum gibt es nur eine Grundschule oder eine Mittelschule. Das Nunavut Arctic College ist in allen Siedlungen mit einem Community Learning Center vertreten, das einfache Bildungsprogramme für Erwachsene anbietet. Berufsausbildung und Studiengänge bietet das College auf fünf größeren Campussen an.
Die Energieerzeugung hängt im gesamten Archipel von importierten fossilen Brennstoffen ab, die die Dieselkraftwerke der Siedlungen antreiben. Eine Müllentsorgung ist praktisch nicht vorhanden, anfallender Abfall wird auf lokalen Deponien gesammelt. Auch die Abwässer werden meist ungeklärt ins Meer geleitet.
In jeder Siedlung gibt es mindestens einen Supermarkt, ein Kulturzentrum, eine Schule, Bistros, meist ein Gästehaus oder Hotel und eine Kirche. Die medizinische Versorgung ist jedoch sehr begrenzt und wird fast nur von Krankenschwestern und -pflegern sichergestellt. Ein Krankenhaus gibt es nur in Iqaluit, wo außerdem Freizeiteinrichtung wie ein Schwimmbad und die Arctic Winter Games Arena für Abwechslung sorgen.

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